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Ernst Abbe - 

Namenspatron des Gymnasiums in Oberkochen

Ernst Abbe als junger Dozent

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Oberkochener Gymnasium trägt den Namen Ernst Abbes. Wer war dieser am 23.01.1840 in Eisenach geborene und am 14.01.1905 in Jena verstorbene Mann, dessen Bekanntheitsgrad gerade hierzulande immer noch nicht allzu groß zu sein scheint? Denn nur wenige Wochen nach der in den Zeitungen stark beachteten Namensgebung "Ernst-Abbe-Gymnasium" wurde ein Lehrer der Schule an einem Waiblinger Gymnasium gefragt, ob er Ernst Abbe sei. Kurz darauf wollte ein Lieferant seine Ware beim Hausmeister "direkt dem Ernst Abbe" abgeben. Und die Lokalpresse berichtete munter über das "Paul-Abbe-Gymnasium". Also Grund genug, einiges über diesen vorbildlichen Physiker, Unternehmer und Sozialreformer aus Thüringen zu erfahren, ohne dessen enge Zusammenarbeit mit dem Universitätsmechaniker Carl Zeiss die heutige Weltfirma nicht entstanden wäre.

Und was unsere Schule angeht: Als 1946 mehr als 100 führende Zeissianer von den Amerikanern zwangsweise aus Jena nach Heidenheim bzw. Oberkochen gebracht wurden, konnte niemand auch nur ahnen, daß das gemeinsame Lebenswerk von Carl Zeiss und Ernst Abbe, zu denen später noch der Chemiker Friedrich Otto Schott hinzugekommen war, am Rande der schwäbischen Alb seine erfolgreiche Fortsetzung finden sollte. Ohne diese Zwangsumsiedlung wäre das frühere Dorf Oberkochen am Kocherursprung nicht in kurzer Zeit zur größten Wachstumsgemeinde in ganz Baden-Württemberg geworden, hätte es wohl auch kein Gymnasium am Tiersteinhang gegeben.

Schon mit acht Jahre wurde Ernst Abbe in die politischen Auseinandersetzungen jener unruhigen Epoche hineingezogen: Er hatte nämlich dazu beigetragen, Flüchtlinge im Gefolge der Revolution im Jahre 1848 im Eisenacher Haus seiner Eltern zu verstecken. Und er erhielt frühzeitig Einblicke in die harte Arbeitswelt der Erwachsenen: Mit Staunen hatte der hochbegabte Schüler ansehen müssen, wie sein Vater bei geringem Verdienst bis zu 16 Stunden täglich arbeiten mußte. Da er also von seinen Eltern keine finanzielle Hilfe zu erwarten hatte, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als zu versuchen, in möglichst kurzer Zeit auf eigenen Beinen zu stehen: Mit 17 studierte er bereits an der Universität in Jena Mathematik und Physik. Als junger Doktor kam er dann nach Studien in Göttingen und Frankfurt nach Jena zurück, wo er mit 23 Jahren nach seiner Habilitation (Vorstufe zur Professur) Privatdozent wurde.

Im Sommer 1866 (Preußen kämpfte gerade gegen Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland) kam es in Jena zu einer schicksalhaften Begegnung Abbes mit dem fast doppelt so alten "Mechanikus" Carl Zeiss: dessen 20 Mitarbeiter waren bisher darauf angewiesen, durch Probieren ("Pröbeln") die jeweils beste optische Lösung zu finden. Schon 1870 konnte der 30-jährige Professor Abbe seine ersten Berechnungen für hochwertige Mikroskop-Objektive an Carl Zeiss übergeben - der Weg zur Ausweitung der Produktion war offen!

Abbe, bald darauf Teilhaber des Zeiss-Werks, machte sich nun mit der selben Energie, mit der er sich den wissenschaftlichen Anforderungen zugewandt hatte, daran, unter Hinweis "auf mein Gewissen" die soziale Lage der Beschäftigten in seinem zusammen mit Carl Zeiss betriebenen Werk zu verbessern. Es ging ihm vor allem darum, die Stellung der Arbeiter gerade auch bei Krankheit und Invalidität generell zu sichern und die tägliche Arbeitszeit allmählich von 12 auf 9 Stunden zu verringern (der Achtstundentag wurde dann im Jahre 1900 Wirklichkeit). 1888 ermöglichte er dann das Pensionsrecht für alle Betriebsangehörigen.

Zahlreiche Äußerungen Abbes zu sozialen Problemen des Zeiss-Werkes zeigen in eindrucksvoller Weise, daß er die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von so verschiedenartigen Männern wie etwa Karl Marx, Adolf Kolping, dem Mainzer Bischof Ketteler oder dem Dramatiker Gerhard Hauptmann aufgegriffene soziale Frage immer wieder in den Mittelpunkt seiner Planungen und Überlegungen gestellt hat.

Der ebenso erfolgreiche wie weitblickende Unternehmer Ernst Abbe fand 1881 in dem über ein Jahrzehnt jüngeren Chemiker und Glastechniker Friedrich Otto Schott einen Partner, dem es gelungen war, durch neue Glassorten vollkommen farbsaumfreie Abbildungen zu ermöglichen; drei Jahre später gründeten Schott, Abbe und Zeiss das Jenaer Glaswerk. Nach den Tode von Carl Zeiss (1888) schaffte es Ernst Abbe trotz mancher Streitereien mit dessen Sohn Roderich, sein gesamtes Vermögen in eine Stiftung einzubringen. In seiner Bescheidenheit gab er dieser aber nicht seinen Namen, sondern den seines verstorbenen Freundes Carl Zeiss.

"Zeiss" stellt inzwischen längst nicht nur Mikroskope her; Feldstecher, Fernrohre, fotografische Objektive und optische Messinstrumente trugen wesentlich zur Beschäftigungssicherung der um 1900 bereits über 1.000 Beschäftigten bei. Ihre Rechte und Pflichten hatte Abbe in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit im umfangreichen Statut der Carl-Zeiss-Stiftung festgelegt.

Ernst Abbe mit 40 Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Theodor Heuss, der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, sprach einmal von "Ernst Abbes wundervollem Bemühen, die physikalischen Erkenntnisse und technischen Geschicklichkeiten in einem System sozialer Gerechtigkeit und kulturpolitischer Verantwortung einzugliedern." Dieser vorbildliche Mann verdient es in der Tat, wegen seines Weitblicks, wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen, vor allem aber wegen seines uneigennützigen Einsatzes für seine Mitarbeiter einem Gymnasium seinen Namen zu geben.

Gymnasial-Professor Albert Seckler


 

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